Sie hat sich einen langgehegten Traum erfüllt: Die sehbehinderte Sozialarbeiterin Lauriane Aymon aus Lausanne geht regelmässig segeln. Möglich macht es die ehemalige Leistungssporttrainerin Maud Ramuz dank ihrem inklusiven Kursangebot – zweite Folge der dreiteiligen Reportage.
Peter Jankovsky, Kommunikation Retina Suisse, peter.jankovsky@retina.ch;
Rund drei Stunden nach dem Aufbruch auf den Neuenburgersee hinaus kehrt das Boot mit Lauriane und Maud zurück. Wieder ist die Konzentration hoch. Das Anlegen gehört zu den anspruchsvollsten Manövern überhaupt, und entsprechend fokussiert wirken beide Frauen.
Lauriane steht inzwischen deutlich sicherer am Ruder als noch zu Beginn ihrer Ausbildung. Während das Boot langsam an den Steg herangeführt wird, gibt Maud kurze Anweisungen. Nach dem Anlegen folgt gleich die nächste Lektion: Fast beiläufig zeigt sie ihrer Schülerin eine weitere Möglichkeit, die Leinen korrekt zu befestigen.
Wie fällt das Fazit des Nachmittags aus? Lauriane wirkt müde, aber zufrieden. «Eine der grössten Herausforderungen bleibt für mich das Steuern des Bootes», sagt sie. Dabei muss sie nicht nur Windrichtung und Geschwindigkeit berücksichtigen, sondern auch die oft kontraintuitive Reaktion der Pinne verstehen und verinnerlichen.
Die «Pinne»? Natürlich, das ist der Hebel, mit dem das Steuerruder bewegt wird. Und er reagiert anders, als man es von einem Fahrzeug auf der Strasse gewohnt ist. Dieses Umdenken verlangt Konzentration und Übung. Doch genau darin erkennt Lauriane ihre Fortschritte. Der Lernprozess verlaufe schrittweise, sagt sie, aber die Fortschritte seien deutlich spürbar. Das erfüllt sie mit Stolz.

Segellehrerin Maud Ramuz (rechts) zeigt Lauriane einen neuen Knoten für die Leinen.
Vertrauen und starke Gefühle
Während der Ausfahrten übernimmt Maud Ramuz eine koordinierende, erklärende und sichernde Rolle. Gleichzeitig lässt sie ihrer Schülerin viel Eigenverantwortung, insbesondere am Steuer. Gerade diese Kombination aus Freiheit und Unterstützung empfindet Lauriane als besonders wertvoll.
In Situationen, die hektisch oder unübersichtlich werden können, sei das Vertrauen der Trainerin entscheidend. Zu wissen, dass jemand an die eigenen Fähigkeiten glaubt, gebe zusätzliche Sicherheit.
Für Lauriane bedeutet Segeln längst mehr als Sport. Es vermittelt ihr ein starkes Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung. Sie vergleicht dieses Gefühl mit dem Autofahren, das ihr aufgrund ihrer Sehbehinderung verwehrt geblieben ist. Mit zunehmender Erfahrung wächst auch ihr Selbstvertrauen, und das Segeln wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil ihres Lebens.
Die Resilienz stärken
Gleichzeitig stärkt der Segelsport Laurianes Resilienz. Stundenlang muss sie auf dem See konzentriert bleiben, auf wechselnde Bedingungen reagieren und auch in unerwarteten Situationen handlungsfähig bleiben.
Die Diagnose Retinitis pigmentosa in ihrer Jugend war ein einschneidendes Erlebnis. Besonders schwer wog die Erkenntnis, niemals einen Führerschein machen zu können.
Damals half ihr unter anderem die Auseinandersetzung mit Geschichten von Seglerinnen und Seglern, die trotz Einschränkungen aktiv geblieben waren. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass der Traum vom Segeln sie nie losliess. Heute lebt sie diesen Traum selbst – nicht als Zuschauerin am Ufer, sondern am Steuer eines Bootes auf dem See.
Nach der «Pinne» kommt die Gitarre
«Das Segeln ist für mich ein Raum für persönliche Entwicklung. Es ermöglicht mir, trotz Sehbehinderung neue Fähigkeiten zu erwerben, Verantwortung zu übernehmen und ein starkes Gefühl von Freiheit zu erleben», fasst Lauriane Aymon zusammen.
Doch nun wird die Zeit knapp. Sie packt rasch ihre Sachen ein, darunter ist auch eine Gitarre, und macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Das ist ihre andere Leidenschaft – musizieren, und zwar für sich selbst.
Und was ist mit den Eindrücken von Maud Ramuz? Im dritten und letzten Teil der Reportage lernen Sie die Segellehrerin besser kennen.

