Wenn ich unterwegs bin: ein Appell an die Öffentlichkeit

Josephine Hayley-Barker (26), Koordinatorin von Retina Suisse Youth, lebt mit Retinitis pigmentosa und berichtet in ihrer Kolumne über den Alltag mit einer Seheinschränkung. In der sechsten Folge spricht Josephine darüber, wie viel Rücksicht die normal Sehenden ihr gegenüber im öffentlichen Raum zeigen.

josephine.hayley-barker@retina.ch;

Liebe normal sehende Leserinnen und Leser, heute wende ich mich mit einer Bitte an euch – es geht um die Rücksicht gegenüber Menschen mit Sehbehinderung, die unterwegs sind.

Einleitend möchte ich sagen, dass es durchaus Personen gibt, die im öffentlichen Raum rücksichtsvoll unterwegs sind, um sich schauen und Hilfsbereitschaft zeigen.

Die Teilnahme am öffentlichen Verkehr ist für Menschen mit einer Sehbehinderung nicht ungefährlich. In meiner Situation hilft mir mein Blindenführhund, sicherer und entspannter unterwegs zu sein, aber trotzdem sind wir auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen.

Auch den Langstock hochhalten nützt oft wenig

In letzter Zeit hatte ich leider vermehrt Situationen, die gelinde gesagt nicht ganz angenehm waren. Beispielsweise war die Ampel für mich grün – und doch fuhren Autos und Velos noch durch.

Oftmals halte ich meinen Langstock hoch, weil ich die Strasse überqueren möchte – und die Autos und Velos halten trotzdem nicht an, obwohl diese Pflicht in der Schweizer Verkehrsverordnung in Art. 6 Absatz 4 verankert ist. Doch da eine Übertretung nicht durch den Bussenkatalog gedeckt ist, müsste ich eine Anzeige erstatten – und ehrlich gesagt ist dies nicht möglich, da ich als stark Sehbehinderte das Nummernschild nicht lesen kann. Und wie würde ich einen Velofahrer anzeigen können? Der hat ja kein Nummernschild. Ausserdem habe ich anderes zu tun, als jede rücksichtslose Person anzuzeigen.

Sogar im Wald ständig auf der Hut

Die Antwort ist nicht, dass ich ständig Anzeige erstatten soll – sondern dass man als normal sehende Person vorsichtig und aufmerksam unterwegs sein sollte. Seien dies Fussgänger, die aufs Handy starren, anstelle aufzupassen, wo sie hinlaufen, seien dies Autos oder sonstige Fahrzeuge, die sich am öffentlichen Verkehr beteiligen.

Auch im Wald muss ich ständig auf der Hut sein, weil Velofahrer gerne schnell den Hang hinuntersausen. Ja, es mag vielleicht Spass machen, den Hügel «hinunterzufetzen», aber es kann leider auch gefährlich sein.

Deshalb appelliere ich freundlich an Sie, dass wir alle mehr aufeinander schauen und uns auch für Menschen einsetzen, denen es aufgrund ihrer Lebensumstände erschwert ist, sich am öffentlichen Verkehr zu beteiligen.

Ich bin mir sicher: Wenn jede und jede ihren oder seinen Beitrag leistet, dies für alle einfacher, entspannter und vor allem sicherer wird – danke!