Es ist wieder Zeit, abzustimmen – wie machen das wir Sehbehinderten?

Josephine Hayley-Barker (26), Koordinatorin von Retina Suisse Youth, lebt mit Retinitis pigmentosa und berichtet in ihrer Kolumne über den Alltag mit einer Seheinschränkung. In der vierten Folge analysiert Josephine die Situation von Sehbehinderten, die am politischen Leben teilnehmen und abstimmen wollen.

josephine.hayleybarker@retina.ch

(Mai 2026) Mehrfach im Jahr werden wir als Schweizer Stimmbürger*innen dazu aufgerufen, über diverse Vorlagen zu befinden. Am 14. Juni 2026 ist es wieder soweit, sowohl auf nationaler Ebene wie auch auf kantonaler, zum Beispiel in Zürich, wo ich lebe. Dazu erhalten wir per Post sehr viel Papier, seien es die Informationsdokumente oder die eigentlichen Stimmzettel.

Doch wie ist es, wenn man nicht sehen kann? Ich studiere an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur Rechtswissenschaft und möchte in diesem Text die komplizierte Ausgangslage sowie Lösungsansätze besprechen.

Komplizierte Informationsbeschaffung

Der Artikel 34 der schweizerischen Bundesverfassung (BV) spricht die politischen Rechte an. Er stellt sicher, dass Bürgerinnen und Bürger frei an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen können, ihre Meinung in einer unverfälschten Stimmabgabe zum Ausdruck bringen dürfen und dass das Ergebnis ihrem Willen entspricht.

Doch für uns Sehbehinderte ist dies leichter gesagt als getan. Zu einem brauchen wir sehr lange, um die Informationen mittels Onlinerecherche zu ermitteln. Die Benutzung des Internets mit einem Bildschirmleseprogramm ist nicht ganz so einfach, da man sich bei einer neuen Webseite erst einmal orientieren muss. Hinzu kommt dann die eigentliche Meinungsbildung sowie das Ausfüllen des Stimmzettels, das nicht ohne ist.

Oftmals müssen einem die Informationen von einer sehenden Person vorgelesen werden. Dabei ist es gut möglich, dass diese Helferin bereits ihre subjektiven Meinungen mitteilt und eventuell Teile der sachlichen Informationen über eine Vorlage, Initiative oder auch über politisch aktive Personen überspringt.

Bei Papier braucht man Hilfe

Wenn man mittels Assistenz die Informationen zusammengetragen hat und sich seine Meinung bilden konnte, kommt die nächste Herausforderung, nämlich das Ausfüllen des Stimmzettels. Dieser muss immer noch eigenhändig-schriftlich ausgefüllt werden. Aber dazu sollte man die Linien und Kästen sehen können und wissen, um welche Frage es sich handelt – und wo man seine Stimme abgeben sollte.

Ich selbst lebe mit einer schweren Sehbehinderung. Meine Option ist, dass ich meinen Stimmzettel von einer vertrauenswürdigen Person, zum Beispiel aus meiner Familie, ausfüllen lasse. Doch dabei ist das Stimmgeheimnis gefährdet, zudem besteht das Risiko der verfälschten Stimmabgabe. Dazu kommt die reduzierte Selbständigkeit, die für Sehbehinderte ein sehr wichtiger Aspekt ihres Lebens ist.

Hat man seine Stimme abgegeben, muss man noch mit Orts- und Datumsangabe eigenhändig unterschreiben und alles in den Briefumschlag schieben. Die Schwierigkeit hierbei ist: Man muss den Empfangsschein zuerst umdrehen und dann in den Briefumschlag legen, damit beim Couvert-Fenster die Adresse der Behörde zu sehen ist.

Abstimmen mit der Schablone

Das Ganze steckt also voller Herausforderungen. Doch was sind die möglichen Lösungsansätze? Zum Beispiel wurde für sehbehinderte Menschen eine Abstimmungsschablone entwickelt: Man legt den Stimmzettel in die Schablone hinein, klappt diesen zu und kann somit an der richtigen Stelle mit einem Stift ja oder nein schreiben. Dies kam bereits für die Bundesabstimmungen am 30.11.2025 zur Anwendung – ich durfte die Schablone in der «Tagesschau» von SRF ausprobieren.

Mein Fazit? Es brauchte sehr viel Fingerspitzengefühl, um den Zettel richtig in die Schablone zu legen und präzis zu positionieren. Denn dieser Bundesabstimmungszettel hatte eine abgeschnittene Ecke, die mit der abgeschnittenen Ecke auf der Schablone exakt übereinstimmen musste. Wenn man nämlich die Schablone zuklappte, konnte es durchaus passieren, dass sich der Zettel verschob und nicht mehr schön anlag.

Hinzu kam dass man sich merken musste, was eigentlich die Frage Nummer 1 war. Auf der Schablone stand nämlich nicht, um welche Frage es sich inhaltlich handelte, sondern nur, dass es die Frage 1 war. Erst dann konnte man mittels der Punktschrift oder der grossen Schwarzen Druckschrift zu der gewünschten Frage übergehen und seine Finger noch weiter nach rechts gleiten lassen, um mit Hilfe des Stifts seine Stimme abzugeben.

Dabei musste ich persönlich vorgängig das Schreiben selbst noch üben, da ich es länger nicht mehr gemacht hatte. Denn ich schreibe bzw. tippe hauptsächlich am Computer – das «Fingergefühl» für das Schreiben von Hand geht dabei allmählich verloren.

Ein guter Ansatz, aber mit Tücken

Die Abstimmungsschablone ist ein guter Ansatz, aber sie hat ihre Tücken. Denn wie oben beschrieben, muss man sich viele Informationen merken. Ausserdem kann die Schablone aktuell nur für nationale Abstimmungen verwendet werden.

Falls die Kantone und die Gemeinden irgendwann einmal auch die Schablone einführen, müsste man sich überlegen, wie nicht-visuelle Personen die einzelnen Stimmzettel zweifelsfrei voneinander unterscheiden können. Wenn alle Stimmzettel eine abgeschnittene Ecke aufweisen, könnte es sehr kompliziert werden.

Ausserdem wurde die besprochene Schablone für vier Fragen entwickelt. Grössere Gemeinden haben jedoch oftmals mehr als vier Vorlagen, über die gleichzeitig abgestimmt werden muss. Ausserdem ist die Schablone noch nicht für Gegenvorschläge konzipiert.

E-Voting wäre ideal

Ein weiterer Ansatz ist das E-Voting. Man könnte sich auf einer Online-Plattform einloggen und so seine Stimme abgeben. Dank klar gekennzeichneter Links könnte man rasch und problemlos auf die Informationen zu den einzelnen Vorlagen zugreifen und danach gleich seine Stimme abgeben.

Für mich persönlich ist dies der ideale Ansatz. Aber auch hier gilt es, spezifische Umstände nicht zu ignorieren. So muss natürlich die entsprechende E-Voting-Webseite für Sehbehinderte ohne weiteres bedienbar sein.

Dazu kommt die Frage des Datenschutzes: Oftmals müssen viele Passwörter und Passkeys eingegeben werden, die man per Post in Papierform erhält. Diese muss man dann zuerst einscannen und bei jeder neuen Abstimmung eingeben sowie nach Abgabe der Stimme kontrollieren. Dies ist für Personen, die nicht-visuell arbeiten, sehr aufwendig und erfordert viel Konzentration.

Eine zugängliche Schweiz gestalten

Trotzdem wäre das E-Voting eine sehr gute Variante, um die politische Teilnahme für Menschen mit Sehbehinderung zu ermöglichen und zu garantieren. Es braucht manchmal eben ein paar Anläufe, bis all dies in die Gänge kommt. Meiner Meinung nach wäre es ohne weiteres möglich, die E-Voting-Variante parallel zur Papier-Abstimmung durchzuführen.

Schliesslich und endlich ist die Teilnahme an politischen Prozessen für uns Sehbehinderte genau so wichtig wie für alle anderen Staatsbürger*innen. Auch wir wollen zur Gestaltung und Weiterentwicklung unseres Landes beitragen. Wir wollen eine Schweiz gestalten, in der sämtliche Strukturen für alle Menschen zugänglich sind.