Hustenlöser-Variante soll Sehverlust bei Retinitis pigmentosa bremsen

Ein amerikanisches Biotech-Unternehmen hat einen Wirkstoff namens NPI-001 an Testpersonen erprobt, die mit Retinitis pigmentosa und dem Usher-Syndrom leben. Allem Anschein nach verlangsamte die Substanz deutlich die Degeneration von Sehzellen. Weitere Studien sind notwendig, um die Wirkung zu bestätigen.

(Mai 2026) Die US-Firma Nacuity Pharmaceuticals hat eine klinische Phase-1/2-Studie mit NPI-001 durchgeführt. Dies ist eine Substanz, die eine weiterentwickelte Form des hustenlösenden Wirkstoffes NAC darstellt und zwecks einer besseren Aufnahme im Auge konzipiert wurde.

Gemäss Angaben der Firma selbst hat NPI-001 positive Wirkung gezeigt: Das Mittel soll den Verlust von Sehzellen bei Retinitis pigmentosa in Verbindung mit dem Usher-Syndrom (Beeinträchtigung des Hörvermögens, begleitet von Netzhautdegeneration) über zwei Jahre hinweg um mehr als 50 Prozent gebremst haben.

Oxidation – das «Stehlen» von Molekülen

NAC ist die Abkürzung für den Wirkstoff N-Acetylcystein – man kennt diesen vor allem als husten- bzw. schleimlösenden Mittel. Doch NAC hat in der modernen Augenheilkunde eine wachsende Bedeutung: Die Substanz wird hier primär zur Behandlung von Augenerkrankungen eingesetzt, die mit oxidativem Stress einhergehen. Denn NAC gilt als eine Art Vorstufe von Glutathion, einem wichtigen körpereigenen Antioxidans.

Der Zustand des oxidativen Stresses hat seinen Ursprung im Vorgang der Oxidation, der in den Zellen des menschlichen Körpers stattfindet. In den Mitochondrien, den «Kraftwerken» der Zelle, werden bei der Energiegewinnung Sauerstoffmoleküle verarbeitet. Dabei entstehen als Nebenprodukte freie Radikale; auch Entgiftungsprozesse, Immunabwehrreaktionen sowie äussere Einflüsse wie UV-Strahlung oder Rauch führen zur Produktion von solchen Radikalen im Körper.

Freie Radikale sind Moleküle oder Atome, die mindestens ein ungepaartes Elektron besitzen. Dieses einzelne Elektron macht sie reaktionsfreudig und instabil. Um sich zu stabilisieren, versuchen freie Radikale, Elektronen von anderen Molekülen zu «stehlen», was ein schädlicher Prozess für die Zellen ist. Dieser Vorgang wird als Oxidation bezeichnet und kann eine Kettenreaktion auslösen, bei der immer neue freie Radikale entstehen. Antioxidantien wie Glutathion oder NAC neutralisieren diese Radikale.

Ungleichgewicht führt zu Zellschäden im Auge

Oxidativer Stress entsteht dann, wenn ein Ungleichgewicht zwischen freien Radikalen und den schützenden Antioxidantien im Auge entsteht. Dies kann zu vielfältigen Zellschäden führen: an der Netzhaut und Makula, an der Aderhaut, am Sehnerv sowie an der Augenoberfläche und der Augenlinse.

Eine zentrale Rolle spielt oxidativer Stress bei der Entstehung von Retinitis pigmentosa (RP). Eine neuere Einsicht ist, dass der Wirkstoff NAC diesen Stress in der Netzhaut reduzieren kann – in verschiedenen präklinischen Modellen haben sich potenziell neuroprotektive Effekte gezeigt. Erste klinische Studien deuten sogar auf eine Verbesserung der Sehschärfe und makulären Funktion unter NAC-Therapie hin.

Eine aktuelle internationale Phase-3-Studie namens «NAC Attack» zielt darauf ab, die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von NAC bei RP zu überprüfen. Die ophthalmologische Forschung sieht in NAC einen potenziell vielversprechenden, kostengünstigen Ansatz, um den Sehverlust insbesondere bei RP-Patient*innen möglicherweise zu verlangsamen.

Von NAC zum Wirkstoff NPI-001

Zurück zur Firma Nacuity Pharmaceuticals: Dieses klinische Biotech-Unternehmen mit Sitz im US-Bundesstaat Texas hat sich auf die Behandlung von Augenerkrankungen spezialisiert, indem sie Wirkstoffe und Methoden zur Bekämpfung von oxidativem Stress entwickelt. Das betrifft Retinitis pigmentosa, aber auch Grauen Star oder die Zystinose-Erkrankung (Aminosärenanreicherung u.a. in Netzhautzellen).

Das Biotech-Unternehmen hat in den Jahren 2023 bis 2025 die eingangs erwähnte klinische Phase-1/2-Studie mit NPI-001 durchgeführt, eine placebokontrollierte, multizentrische Untersuchung. Ihr Ziel war es, die Wirksamkeit Sicherheit und Verträglichkeit von NPI-001-Tabletten im Vergleich zu Placebo-Verabreichungen bei Patient*innen mit Sehverlust aufgrund von RP in Verbindung mit dem Usher-Syndrom zu bewerten.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie – mit Vorbehalt

Die Ergebnisse der Studie sollen positiv bis sehr positiv ausgefallen sein, wie in einer Medienmitteilung des Biotech-Unternehmens von letztem Herbst nachzulesen ist. Bis jedoch diese Ergebnisse in einem international anerkannten Fachblatt veröffentlicht werden, dauert es länger: Die sorgfältige Kontrolle von Studienergebnissen durch unabhängige Expert*innen und die Aufbereitung der Daten sind sehr zeitintensiv.

Daher beruht die nachfolgende Aufzählung der positiven Effekte des Wirkstoffes NPI-001 einzig auf den Angaben der amerikanischen Biotech-Firma:

Nach täglicher Einnahme von NPI-001 war der Verlust von Photorezeptoren (Sehzellen) ab dem 6. Monat und über die gesamte Studiendauer von 24 Monaten hinweg signifikant geringer als unter Placebo-Verabreichung. Das heisst: Der Verlust von Photorezeptoren konnte in einem Zeitraum von zwei Jahre um mehr als 50 Prozent verlangsamt werden.
Die Sensitivität der Netzhaut erreichte nach 24 Monaten keine statistische Bedeutung. Jedoch zeigte sich bei den mit NPI-001 behandelten Teilnehmern ein positiver Trend: Der Sehverlust war im Vergleich zu den Placebo-Gruppen um fast 30 Prozent geringer.
Der Wirkstoff NPI-001 war in einer Dosierung von 500 mg/Tag sicher und gut verträglich.

In die Studie waren 49 Patient*innen involviert, was eine geringe Zahl darstellt. Die Testpersonen erhielten zweimal täglich orale NPI-001- oder Plazebo-Tabletten und wurden über zwei Jahre hinweg engmaschig beobachtet.

In dieser Zeit untersuchten Expert*innen regelmässig die sogenannte Ellipsoidzonen-Fläche der Patient*innen. Diese Fläche gilt als wichtiger Indikator für die Gesundheit der Sehzellen. Sie ist eine Art Innensegment der Photorezeptoren in der Netzhaut, in der die Energie für das Sehen produziert wird. Der Zustand der Ellipsoidzonen-Fläche zeigt, welche Sehzellen noch funktionstüchtig sind.

Wie genau funktioniert NPI-001?

«NPI-001» ist eine patentierte Bezeichnung für N-Acetylcysteinamid-(NACA)-Tabletten. Chemisch gesehen ist NACA ein Abkömmling von N-Acetylcystein (NAC) – der entscheidende Unterschied liegt darin, dass NACA so verändert wurde, dass es die Zellmembranen und die Blut-Retina-Schranke besser durchdringen kann.

Präklinische Studien zeigten, dass NACA respektive NPI-001 den Spiegel an Glutathion, dem stärksten körpereigenen Antioxidans, erhöht. Somit trägt der Wirkstoff entscheidend zur Verminderung von Netzhautzellenschäden durch chemisch aggressive Sauerstoffmoleküle bei.

Noch zu früh, um die Wirkung definitiv zu bestätigen

Abschliessend ist noch einmal festzuhalten, dass es sich bei der vorgestellten Studie der amerikanischen Biotech-Firma um eine kombinierte Phase-1/2-Untersuchung handelt. Obwohl die bisherigen Daten erste positive Signale hinsichtlich der Sicherheit und Wirksamkeit liefern, befindet sich das Medikament damit noch in einem frühen Stadium der klinischen Entwicklung.

Bevor eine Marktzulassung beantragt werden kann, muss NPI-001 zunächst eine Phase-3-Studie erfolgreich durchlaufen. In dieser entscheidenden Zulassungsphase soll an einer grösseren Patient*innenzahl statistisch nachgewiesen werden, dass die angestrebten klinischen Endpunkte sicher erreicht werden.

Da der Ausgang solcher Studien sowie der weitere regulatorische Prozess ungewiss ist, bleibt abzuwarten, ob und wann das Medikament für die allgemeine Patientenversorgung zur Verfügung stehen wird.

Quellen:

nacuity.com (Nacuity Pharmaceuticals; Pressemitteilung, Ergebnisse der klinischen Phase-1/2-Studie SLO-RP (ClinicalTrials.gov Kennnummer: NCT04355689); Pharmazeutische Zeitung: Steckbrief Acetcystein; Thieme Group 2025: Thieme E-Journals – Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde / Abstract; King Nature – Lexikon (red. PJ Mai 2026)