Sie hat sich einen langgehegten Traum erfüllt: Die sehbehinderte Sozialarbeiterin Lauriane Aymon aus Lausanne geht regelmässig segeln. Dieser herausfordernde Sport vermittelt ihr das Gefühl von Unabhängigkeit und aktiver Lebensgestaltung. Möglich macht es die ehemalige Leistungssporttrainerin Maud Ramuz dank ihrem inklusiven Kursangebot – erste Folge der dreiteiligen Reportage.
Peter Jankovsky, Kommunikation Retina Suisse, peter.jankovsky@retina.ch;
Die Sonne strahlt an diesem letzten Tag im Mai kräftig vom wolkenlosen Himmel. Über den Neuenburgersee zieht eine starke Bise, die selbst im geschützten Hafen von Estavayer-le-Lac nur wenig von ihrer Kraft verliert. Damit herrschen damit ideale Bedingungen für einen Segeltörn. «Solchen Wind haben wir nicht immer, den müssen wir heute ausgiebig nutzen», sagt Segellehrerin Maud Ramuz, während sie die letzten Vorbereitungen am Boot trifft.
Neben ihr steht Lauriane Aymon. Die 40-Jährige wirkt konzentriert, aber die Vorfreude ist ihr deutlich anzusehen. Für sie hat gerade die zweite Segelsaison begonnen. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Denn Lauriane lebt mit Retinitis pigmentosa, einer schweren, genetisch bedingten Netzhauterkrankung. Diagnostiziert wurde sie ihr mit 16 Jahren, erste Symptome wie Nachtblindheit und ein eingeschränktes Gesichtsfeld machten sich jedoch bereits in ihrer Kindheit bemerkbar.
Trotz der fortschreitenden Seheinschränkung verfügt Lauriane noch über ein relativ gutes zentrales Sehvermögen. Mit Vergrösserungshilfen und ausreichend Kontrast kann sie weiterhin lesen und sich im Alltag orientieren. Nach einer Ausbildung zur Sonderpädagogin arbeitet sie heute als Fachkraft im psychosozialen Bereich. Ausserdem ist sie Mutter eines Sohnes, der bald 18 Jahre alt wird.
Zunächst ein Intensivpraktikum, dann ein inklusives Angebot
«Ich wollte eigentlich schon immer Segeln lernen, denn Wasser, Wind und die Bewegung durch natürliche Kräfte faszinieren mich», sagt Lauriane. Lange blieb dieser Wunsch jedoch unerfüllt. Erst vor einem Jahr begann sie gezielt nach Angeboten für sehbehinderte Menschen zu suchen. Dabei stiess sie auf einen Segelkurs in Prangins am Genfersee. Dort begegnete sie erstmals Maud Ramuz. Aus den ersten Unterrichtsstunden entwickelte sich eine regelmässige Zusammenarbeit, die heute auf dem Neuenburgersee weitergeht.
Besonders schätzt Lauriane die Art, wie Maud unterrichtet. Die Segellehrerin erklärt ruhig und strukturiert, lässt Materialien und Instrumente ertasten und nimmt sich Zeit, wenn Abläufe wiederholt werden müssen. Technische Zusammenhänge werden nicht einfach erklärt, sondern erfahrbar gemacht. Für Lauriane ist genau das entscheidend.
Ganz anders verliefen ihre ersten Segelerfahrungen bei einem Crashkurs in der Bretagne. Dort gab es keine besonderen Anpassungen für Menschen mit Sehbehinderung. Sie musste vieles selbst kompensieren und sich Orientierungsmöglichkeiten eigenständig erschliessen. Im Rückblick beschreibt sie diese ersten Erfahrungen als deutlich anstrengender.
Neugier und Freude besiegen die Angst
Das heutige inklusive Segelangebot macht für Lauriane deshalb den entscheidenden Unterschied. Erst dadurch habe sie erkannt, dass Segeln trotz Sehbehinderung gut erlernbar sei. Mit Maud war sie inzwischen etwa zehnmal auf dem Wasser. Die ersten Ausfahrten seien intensiv und emotional gewesen, sagt Lauriane. «Angst, zum Beispiel vor einem Sturz ins Wasser, habe ich kaum, denn Neugier und Freude überwiegen ganz klar.»
Ganz ohne Unsicherheit verlief der Einstieg dennoch nicht. Vor allem die Bewegungen des Bootes und die Schräglage bei stärkerem Wind waren zunächst ungewohnt. Wenn sich das Boot plötzlich zur Seite neigte, musste sie lernen, diesen Bewegungen zu vertrauen. Doch mit jeder Ausfahrt wuchs die Sicherheit – ins Boot, in die Trainerin und in die eigenen Fähigkeiten.
Sicherheit spielt für Lauriane eine zentrale Rolle. Obwohl sie eine gute Schwimmerin ist, betont sie die Bedeutung der Schwimmweste. Gleichzeitig vertraut sie auf die Erfahrung von Maud Ramuz und die klaren Abläufe an Bord. Das gibt ihr die nötige Ruhe, um sich auf das Lernen zu konzentrieren. Denn Lauriane weiss: Die Kunst des Segelns erschliesst sich nicht in wenigen Stunden.

Lauriane holt die Leinen ein – die Segelfahrt beginnt.
Endlich ablegen
Doch nun müssen die beiden endlich hinaus auf den See. Die bisher lockere Stimmung wird ernster, denn schon beim Ablegen ist höchste Konzentration gefragt. Mit einer erstaunlich behenden Bewegung steigt Lauriane über die Bootsreeling und löst die Leinen.
Maud sitzt bereits am Steuerruder und behält die Umgebung im Blick. Langsam setzt sich das Boot in Bewegung. Mit Hilfe des Motors fährt das Boot aus dem Hafen, die Segel werden erst auf dem See draussen gesetzt. Auf den Gesichtern der beiden Seglerinnen spiegelt sich verhaltene Vorfreude. Vor den beiden liegen mehrere Stunden auf dem Wasser.
Die Fahrt mit dem Segelboot findet ohne den Berichterstatter statt. Denn er weiss: Auf dem schaukelnden Bootsdeck würde ihm der Magen wohl einen Bärendienst erweisen. Stattdessen führt ihn der Weg zu Fuss entlang des Ufers, vorbei an den beeindruckend hohen Bäumen beim Hafen und hinauf zur kleinen Burg von Estavayer. Während draussen auf dem See die Segelboote ihre Bahnen ziehen, lässt sich von Land aus nur erahnen, was Wind und Wellen den Seglerinnen abverlangen.
Mit welchen Eindrücken wird Lauriane zurückkehren? Fortsetzung folgt!

