Segeln lernen trotz Einschränkungen – die ehemalige Leistungssporttrainerin Maud Ramuz macht es möglich. Dank ihrem inklusiven Kursangebot auf dem Neuenburgersee erkennen die Teilnehmenden neue Fähigkeiten in sich, die sie weiterentwickeln können. Lesen Sie hier den dritten und letzten Teil der Segel-Reportage.
Peter Jankovsky, Kommunikation Retina Suisse, peter.jankovsky@retina.ch;
Die Segellehrerin Maud Ramuz scheint unermüdlich zu sein. Den ganzen Nachmittag hat sie mit ihrer sehbehinderten Schülerin Lauriane Aymon an diesem letzten Tag im Mai auf dem Neuenburgersee verbracht. Doch auch nach der Rückkehr an Land ist für sie noch lange nicht Feierabend. Bei einem Getränk am Strand des Campings von Yvonand erzählt sie ausführlich von ihrer Arbeit mit Menschen, die eine Behinderung haben. Erst später am Abend macht sich die gebürtige Waadtländerin auf den langen Heimweg in den Aargau, wo sie seit vielen Jahren lebt.
Für Tage wie diesen braucht es Ausdauer – und die hat Maud Ramuz. Der Segelsport, den sie bereits als Kind von ihren Eltern erlernte, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Aus einer frühen Leidenschaft wurde eine lebenslange Berufung. Sie segelte nicht nur in der Freizeit, sondern engagierte sich auch im Leistungssport, unter anderem als Trainerin von Regattateams, die an Europa- und Weltmeisterschaften in der Optimist-Klasse teilnahmen.
Eine Biologin, die Menschen mit Behinderung coacht
Eigentlich ist die 55-Jährige Biologin. Ihr wissenschaftlicher Hintergrund umfasst Pflanzen- und Humanphysiologie, Mikrobiologie und Biochemie. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie in der Grundlagenforschung an der Universität Zürich. Mit der Geburt ihrer drei Kinder beendete sie jedoch ihre wissenschaftliche Laufbahn.
Vor einigen Jahren schlug sie auch im Segelsport eine neue Richtung ein. Nach einer intensiven Phase im Leistungssport wandte sie sich dem inklusiven Segeln zu. Der Einstieg erfolgte über ein Freiwilligenengagement am Neuenburgersee. Später leitete sie mehrere Jahre lang den Standort eines spezialisierten Segelclubs.
Heute betreibt Maud Ramuz neben ihrer Tätigkeit als reguläre Segellehrerin ein eigenes Projekt in Estavayer-le-Lac. Zurzeit begleitet sie sieben Personen mit unterschiedlichen körperlichen und psychischen Einschränkungen auf ihrem Weg zum selbstständigen Segeln. Darunter ist auch die sehbehinderte Lauriane Aymon, die ihre Erfahrung ausführlich schildert – unter diesem Link.
Die meisten von Ramuz’ aktuellen Schülerinnen und Schüler bringen bereits erste Segelerfahrungen mit. Die Segellehrerin arbeitet bewusst praxisnah. Wer mit ihr aufs Wasser geht, soll möglichst viel selbst machen: steuern, Manöver ausführen, Entscheidungen treffen. Sie selbst greift vor allem koordinierend und sichernd ein.
Begleitetes individuelles Lernen – wie im Leistungssport
Ihr gehe es nicht darum, Menschen einfach eine schöne Zeit auf dem See zu ermöglichen, sagt Maud Ramuz. «Ziel meiner Arbeit ist ein seriöses Lernumfeld, in dem Fortschritte im Segeln gefördert und begleitet werden.»
Dafür passt sie jede Ausbildung individuell an. Fähigkeiten, Reaktionsgeschwindigkeit und Bedürfnisse unterscheiden sich von Person zu Person. Deshalb bleiben die Gruppen bewusst klein. Meist sind nicht mehr als drei Personen gleichzeitig auf dem Boot.
Für Ramuz gelten dabei dieselben Grundprinzipien wie im Leistungssport. Menschen mit Behinderungen sollen ihre Stärken erkennen, ihre Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln und lernen, mit unterschiedlichen Bedingungen umzugehen. Ein grosser Teil ihrer Arbeit bestehe deshalb darin, Probleme zu analysieren und für jede Situation individuelle Lösungen zu finden.
Die Teilnehmenden sind hochmotiviert
Besonders schätzt Maud Ramuz die Motivation ihrer Teilnehmenden. Immer wieder erlebt sie, wie Menschen etwas schaffen, das sie sich zuvor nicht zugetraut hatten. Dann sind Freude und Stolz spürbar. Genau diese Augenblicke machen ihre Arbeit für sie besonders wertvoll.
Gleichzeitig verschweigt sie die Herausforderungen nicht. Vor allem bei schweren körperlichen Einschränkungen, Autismus oder psychischen Erkrankungen sei ein hohes Mass an Aufmerksamkeit gefragt. Auf dem Wasser trägt sie die Verantwortung nämlich allein.

Vertrauen spielt deshalb eine zentrale Rolle. Die Teilnehmenden müssen sich auf Ramuz’ Erfahrung verlassen können – und umgekehrt muss auch sie ihren Schülerinnen und Schülern etwas zutrauen. Je nach Person und Situation passt sie das Segeln flexibel an. Bei ängstlichen Anfängern reduziert sie beispielsweise die Segelfläche oder sorgt für zusätzliche Stabilität des Bootes. Fortgeschrittenen überträgt sie dagegen bewusst mehr Verantwortung. Sicherheit bleibt dabei immer oberstes Gebot.
Moderne Technologie hilft
Unterstützung erhält das inklusive Segeln zunehmend auch durch technische Innovationen. Maud Ramuz steht in Kontakt mit französischen Entwicklerinnen und Entwicklern, die Assistenzsysteme für den Sehbehinderten-Segelsport konzipieren. Dazu gehört beispielsweise die GPS-basierte Navigations-App «SARA Nav», die besonders sehbehinderten Seglerinnen und Seglern mehr Selbstständigkeit am Ruder ermöglicht. Hinzu kommen auch spezielle Gürtel, entwickelt von Ramuz’ Kollegin Marine Clogenson, welche die Windrichtung mit Hilfe von Vibrationen anzeigen.
Maude Ramuz’ inklusives Projekt ist bewusst niedrigschwellig aufgebaut. Die Teilnehmenden leisten lediglich einen kleinen Beitrag an die Bootskosten, und die meisten Tätigkeiten von Ramuz basieren auf ehrenamtlicher Arbeit. Neue Interessierte finden meist über persönliche Kontakte und Mund-zu-Mund-Propaganda den Weg zu dieser besonderen Segellehrerin. Derzeit möchte sie besonders Menschen mit Sehbehinderung die Möglichkeit bieten, das Segeln auf dem Neuenburgersee unverbindlich kennenzulernen und vielleicht Teil einer Gruppe regelmässiger Seglerinnen und Segler zu werden.
Wer Maud Ramuz zuhört, merkt rasch: Das inklusive Segeln ist für sie weit mehr als ein Hobby oder ein Nebenprojekt. Es ist eine Aufgabe, die sie mit grosser Überzeugung verfolgt – sie lebt für das inklusive Segeln und ihre Schülerinnen mit derselben Leidenschaft, mit der sie einst selbst das Segeln für sich entdeckt hat.

