Netzhauterkrankung MacTel-2: erste Therapiemöglichkeit in Sicht

Das körpereigene Protein CNTF fördert unter anderem die Entwicklung retinaler Zellen. Studien in den USA haben gezeigt, dass vor allem bei der Netzhauterkrankung makuläre Telangiektasie Typ 2 ein Potenzial für eine CNTF-basierte Behandlung besteht.

Peter Jankovsky, Kommunikation Retina Suisse, peter.jankovsky@retina.ch

Es gibt eine bestimmte Gruppe von körpereigenen Proteinen, die als «neurotrophe Faktoren» oder «Neurotrophine» bezeichnet werden. Ihre Funktion ist es, das Wachstum und Überleben von sich entwickelnden wie auch von reifen Nervenzellen zu unterstützen.

Aus dieser Gruppe sticht ein Protein mit dem Namen «ziliärer neurotropher Faktor», kurz CNTF, heraus. Dieses Protein dockt bei einem spezifischen Rezeptor auf der Oberfläche von Zielzellen an und löst so zelluläre Reaktionen aus, die das Überleben, die Differenzierung und die Regeneration von Neuronen bzw. Nervenzellen unterstützen. Und zu den Zielzellen gehören nebst den Motoneuronen und sensorischen Neuronen offenbar auch Zellen der Netzhaut.

Umfangreiche präklinische Studien in den USA hatten die unterstützenden Eigenschaften des Proteins CNTF bei einer Vielzahl von Neuronentypen sowie bei verschiedenen Säugetierspezies nachgewiesen. Die durch CNTF bewirkte Neuroprotektion verlangsamt oder verhindert den Verlust von Nervenzellen und scheint unabhängig von der Art der neurodegenerativen Mutation oder Verletzung zu funktionieren.

CNTF soll den Verlust von Zellen verlangsamen

Nun haben US-amerikanische Studien im Jahr 2025 gezeigt, dass CNTF bei der Anwendung in der menschlichen Netzhaut gut verträglich ist. Der Fokus lag und liegt dabei weiterhin auf dem Potenzial von CNTF als Therapeutikum bei der makulären Telangiektasie Typ 2: Hier hat das Protein eine gewisse Wirksamkeit gezeigt, was die Verlangsamung des Zellverlusts in der sogenannten Ellipsoidzone betrifft.

Bei der makulären Teleangiektasie Typ 2, kurz MacTel-2, handelt es sich um eine erworbene Deformierung der Netzhautgefässe im Bereich der Macula lutea (oder gelber Fleck, eine Zone in der Mitte der Netzhaut, die für das scharfe, zentrale Sehen entscheidend ist). Gefässveränderungen führen dort zu einer Verminderung der Sehkraft und treten meist in beiden Augen auf.

Zwei Faktoren behindern die therapeutische Wirkung

Jedoch bleibt der therapeutische Übergang von diesen Studien auf die klinische Praxis eine Herausforderung. Das ist zum Teil auf die im zentralen Nervensystem vorhandenen Blutbarrieren zurückzuführen, welche die gezielte Verabreichung von CNTF erschweren. Als weiteres Hindernis erweist sich die kurze Halbwertszeit des Proteins.

Diesen Schwierigkeiten zum Trotz konnte man die molekulare Wirkung von CNTF, das unter Anwendung verschiedener Techniken in Modellsystemen verabreicht wurde, im neuronalen Teil der Retina umfassend untersuchen. Eine langfristige Neuroprotektion der Netzhaut liess sich dokumentieren, und zwar unter Verwendung von gekapselten Zellen. Damit sind Zellen gemeint, die genetisch so verändert wurden, dass sie eine stabile CNTF-Quelle sein konnten.

Eine gekapselte zellbasierte Gentherapie via Implantat

Ein Behandlungsmittel namens Revakinagene (genauer: Revakinagene Taroretcel-lwey; Eigenname: Encelto™) hat im März 2025 die Zulassung für die Behandlung von Erwachsenen mit idiopathischer MacTel-2 in den USA erhalten. Es ist das erste von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassene Medikament für diese Erkrankung.

Bei Encelto handelt es sich um eine gekapselte zellbasierte Gentherapie, die 200’000 bis 440’000 allogene retinale Pigmentepithelzellen (RPE) enthält, die das Protein CNTF produzieren. Encelto ist als Intravitreal-Implantat in einer Einzeldosis erhältlich und wurde von der amerikanischen Biotechfirma Neurotech Pharmaceuticals Inc. zur Behandlung chronischer Netzhauterkrankungen entwickelt.

Encelto könnte noch mehr bewirken

Im Übrigen sprach die FDA Encelto den Orphan-Drug-Status für Retinitis pigmentosa sowie den Fast-Track-Status für Retinitis pigmentosa und trockene altersbedingte Makuladegeneration zu.

Der Orphan-Drug-Status soll Anreize für Pharmaunternehmen schaffen, in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Krankheiten zu investieren. Diese Anreize können finanzielle Vorteile (z.B. reduzierte Gebühren bei Zulassungsanträgen) oder eine zeitlich limitierte Marktexklusivität sein.

Mit dem Fast-Track-Status wiederum ist eine Auszeichnung für Medikamente gemeint. Sie bezieht sich auf therapeutische Mittel, die vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung schwerwiegender Krankheiten zeigen und einen ungedeckten medizinischen Bedarf befriedigen. Der Fast-Track-Status ermöglicht die beschleunigte Prüfung und Zulassung eines Medikaments.

(Erstpublikation: im Retina Journal 159)

Quellen